Das Web als Informationsquelle im Innovationsmanagement

Inhalt:

  1. Einführung
  2. Zusammensetzung der Befragungsteilnehmer
  3. Rechercheaktivität
  4. Innovationsarten
  5. Informationsquellen
  6. Suchwerkzeuge
  7. Fazit

Fraunhofer IAO  führte im Rahmen der Projektarbeiten des THESEUS-Forschungsprogramms eine Befragung zum Einsatz internetbasierter Suchtechniken unter 1.000 »Innovation Professionals« deutscher Unternehmen durch. Der Rücklauf von 142 Fragebogen (schriftlich und online) wird als Indiz für die Aktualität und die wahrgenommene Wichtigkeit der Thematik gewertet. Im Rahmen der Befragung wurden die bei der Informationsbeschaffung im Innovationsmanagement eingesetzten internetbasierten Informationsquellen untersucht. Zudem lag ein Fokus der Befragung auf der Analyse der Zufriedenheit mit der realisierbaren Ergebnisqualität sowie den aktuellen Problemen und Grenzen internetbasierter Informationssuche.

Die Ergebnisse der Befragung sind bedingt repräsentativ für die gesamte deutsche Industrie - die Auswahl der Teilnehmer erfolgte nicht vollständig zufällig: Die Adressaten wurden teilweise gezielt selektiert, um einen möglichst hohen Anteil an »Innovation Professionals« zu erreichen: 450 Adressen stammten aus einer entsprechenden Industriekontaktliste des Instituts. 550 weitere wurden aus einer kommerziellen Adressdatenbank extrahiert. Bei letzteren wurden nur solche Adressaten ausgewählt, deren Positionsfreitext-Beschreibung auf eine innovationsbezogene Tätigkeit hinwies bzw. deren Unternehmensnamen den Begriff »innovativ« bzw. »Innovation« enthielt.

Zusammensetzung der Befragungsteilnehmer

Es lagen insgesamt 142 Fragebogen für die Auswertung vor. Die Befragungsteilnehmer sind am häufigsten in den Branchen Maschinenbau/ Metallverarbeitung (24 Prozent) und der Dienstleistungsindustrie (21 Prozent) vertreten. Dann folgen Automobilindustrie (15 Prozent), IT/Kommunikation (14 Prozent) und mit jeweils 8 Prozent Umwelt/Energietechnik, Elektrotechnik und Pharma- und Konsumgüterindustrie (siehe folgende Abbildung).

Hinsichtlich der Verteilung nach Unternehmensgröße können 15 Prozent als Kleinstunternehmen (bis 9 Beschäftigte), 43 Prozent als kleine und mittelgroße Unternehmen (unter 250 Beschäftigte) und 42 Prozent als Großunternehmen (über 250 Mitarbeiter) klassifiziert werden.

Zusammensetzung der Befragungsteilnehmer nach Branchenzugehörigkeit (n=142)
Zusammensetzung der Befragungsteilnehmer nach Branchenzugehörigkeit (n=142)

37 Prozent der Teilnehmer gehören der Geschäftsführung an, 23 Prozent arbeiten in der Forschung und Entwicklung und jeweils 13 Prozent in den Abteilungen Innovationsmanagement und Marketing/Vertrieb (siehe folgende Abbildung).

Zusammensetzung der Befragungsteilnehmer nach Abteilungszugehörigkeit im Unternehmen (n=142)
Zusammensetzung der Befragungsteilnehmer nach Abteilungszugehörigkeit im Unternehmen (n=142)
 
Um die Innovationsintensität der Unternehmen zu untersuchen, wurde der Anteil der Investition in Forschung und Entwicklung am Gesamtumsatz erfragt. Hier war auffällig, dass über 20 Prozent der Befragten mehr als 10 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung investieren. Hinsichtlich der Unternehmensgröße waren fast ausschließlich (87 Prozent) die Unternehmen mit unter 250 Mitarbeitern in dieser Kategorie vertreten. Die Unternehmen, in denen die Befragten tätig sind, haben innerhalb der letzten drei Jahre ihre Produktpalette im Rahmen von Produktinnovationen zu 83 Prozent durch Produktverbesserungen, zu 60 Prozent durch Marktneuheiten und zu 56 Prozent durch Sortimentsneuheiten ausgebaut.
 

Rechercheaktivität

In den Abteilungen Forschung und Entwicklung, Innovationsmanagement und der Geschäftsführung ist die Mehrheit der Befragten oft an der Entwicklung neuer Ideen beteiligt. Im Gegensatz hierzu ist die Mehrheit der Befragten aus den Abteilungen Produktmanagement und Vertrieb/Marketing nur manchmal an der Ideenentwicklung beteiligt. 58 Prozent der Befragten verbringen mit internetbasierter Informationsbeschaffung wöchentlich 1 bis 5 Stunden, 23 Prozent 6 bis 10 Stunden und 11 Prozent sogar über 10 (vgl. folgende Abbildung).
 
Durchschnittlicher wöchentlicher Aufwand für internetbasierte Informationsbeschaffung (n=142)
Durchschnittlicher wöchentlicher Aufwand für internetbasierte Informationsbeschaffung (n=142)
 
In 30 Prozent der befragten Unternehmen ist ein spezieller Mitarbeiter beschäftigt, der sich um die Informationsbeschaffung kümmert. Wie die folgende Abbildung zeigt, steigt mit wachsender Unternehmensgröße auch die Häufigkeit spezieller Recherchemitarbeiter.
 
Organisation der Recherche (n=142)
Organisation der Recherche (n=142)
 
Bei der Aneignung der Recherchestrategie dominiert die Autodidaktik (vgl. folgende Abbildung) über sämtliche Branchen und Unternehmensgrößen hinweg. Die Hälfte der Teilnehmer informiert sich in Zeitschriften oder im Internet über Recherchemethoden und –werkzeuge. Lediglich eine Minderheit nahm bisher an Weiterbildungen teil - vorrangig Mitarbeiter größerer Unternehmen - oder konnte sich entsprechendes Wissen während der eigenen Ausbildung aneignen.
 
Aneignung der Recherchestrategie (n=142)
Aneignung der Recherchestrategie (n=142)
 

Innovationsarten

Internetbasierte Suchtechniken können zur Informationsbeschaffung für alle Innovationsarten eingesetzt werden. Für Produkt- und Dienstleistungs-innovationen wird internetbasierte Informationsbeschaffung aktuell am häufigsten genutzt, und auch zukünftig wird ihr die größte Bedeutung beigemessen. Für Prozess-, Geschäftsmodell- und Sozialinnovationen werden internetbasierte Informationsquellen derzeit deutlich weniger eingesetzt, doch auch hier wird zukünftige Bedeutung des Internets höher eingeschätzt. Bei der Interpretation der folgenden Abbildung ist zu berücksichtigen, dass bei den Angaben zu Geschäftsmodell- und Sozialinnovationen die Non-Response-Raten vergleichsweise hoch waren.

 
Nutzungsintensität und zukünftige Bedeutung internetbasierter Informationsbeschaffung für verschiedene Innovationsarten (n=142)
Nutzungsintensität und zukünftige Bedeutung internetbasierter Informationsbeschaffung für verschiedene Innovationsarten (n=142)
 

Informationsquellen

Im Rahmen der internetbasierten Informationsbeschaffung kommt eine Vielzahl verschiedener Quellen zum Einsatz. Die folgende Abbildung verdeutlicht die Nutzeneinschätzung der verschiedenen Quellen durch die Befragungsteilnehmer. Der größte Nutzen wird (was wenig überrascht) den Suchmaschinen und Online-Enzyklopädien zugeschrieben. Ebenfalls sehr hoher Nutzen wird den Online-Wirtschafts- und Fachzeitschriften, Forschungs- und. Technologieportalen sowie Patentdatenbanken zugeschrieben. Überraschend niedrig schneiden die typischen Web 2.0-Quellen wie Social Networks, Experten- und Verbraucher-Blogs sowie Open Innovation-Plattformen ab. Dies liegt vermutlich zumindest teilweise an dem noch geringen Verbreitungsgrad dieser recht neuen Art von Informationsquellen – insbesondere auch bezüglich einer Nutzung durch Unternehmen.

 
Beurteilung des Nutzens internetbasierter Informationsquellen (n=142)
Beurteilung des Nutzens internetbasierter Informationsquellen (n=142)

In welchen Phasen des Innovationsprozesses internetbasierten Informationsquellen bei den Befragten zum Einsatz kommen, wird in untenstehender Tabelle verdeutlicht. Dabei waren die Innovationsphasen wie folgt vorgegeben: 1=Innovationsanstoß, 2=Ideensammlung, 3=Ideengenerierung und 4=Ideenbewertung. Suchmaschinen werden in allen Phasen häufig eingesetzt, Forschungs- und Technologieportale sowie Onlineausgaben von Wirtschafts- und Fachzeitschriften kommen besonders in den frühen Phasen Innovationsanstoß und Ideensammlung zum Einsatz. Online-Enzyklopädien und insbesondere Patentdatenbanken werden eher für die nachfolgende Ideenbewertung genutzt.

Nutzung internetbasierter Informationsquellen in verschiedenen Innovationsphasen (n=142)
Nutzung internetbasierter Informationsquellen in verschiedenen Innovationsphasen (n=142)

Lesehilfe: 28 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass Online-Verteiler von Pressemitteilungen für sie in der Innovationsphase »Innovationsanstoß« von Bedeutung sind.
 

Suchwerkzeuge

Eine gute Qualität der Suchergebnisse und ein geringer eingesetzter Zeitaufwand bis zum Auffinden der gewünschten Information sind für die Befragten die wichtigsten Merkmale einer effektiven Suchmaschine, wie untenstehende Abbildung verdeutlicht. Entsprechend sind der hohe Zeitaufwand und nicht zufriedenstellende Ergebnisqualität derzeit die Hauptprobleme bei der Nutzung von Suchwerkzeugen (übernächste Abbildung). Dies ist sicherlich keine zielgruppenspezifische Einschätzung sondern eine allgemeingültige Anforderung – jeder Benutzer wünscht sich, möglichst schnell zu guten Ergebnissen zu gelangen. Für das Innovationsmanagement spezifischer sind die in Abbildung 10 mit dem Median 4  versehenen Aspekte: Eine effektive Eingrenzung des Suchraums zur Erhöhung der Ergebnispräzision, transparente Ergebnis-Rankingverfahren, die Möglichkeit, Sucheregebnisse nach Aktualität zu ordnen und die Bündelung verschiedener Suchwerkzeuge in einem einzigen Werkzeug.
 
Bewertung der Wichtigkeit von Suchwerkzeug-Features (n=142)
Bewertung der Wichtigkeit von Suchwerkzeug-Features (n=142)
 
 
Hauptprobleme beim Einsatz von Suchwerkzeugen (n=142)
Hauptprobleme beim Einsatz von Suchwerkzeugen (n=142)
 
Über 60 Prozent der Befragten durchlaufen wiederkehrende Suchroutinen, hauptsächlich zur Analyse von Trends und Entwicklungen und zur Analyse der Konkurrenzaktivitäten (vgl. die folgende Abbildung). Push-Versorgung wird bereits von ungefähr der Hälfte der Befragten eingesetzt. Der Großteil der Befragten bevorzugt die Information über neue Treffer mittels E-Mail, 20 Prozent der Befragten würden sich auch per RSS-Feed informieren lassen. Bei der Eingrenzung des Suchraumes werden die Filterkriterien nach Erstellungsdatum und nach Sprache des Suchergebnisses aktuell am häufigsten genutzt und auch am wichtigsten bewertet.
 
Wiederkehrende Suchroutinen (n=142)
Wiederkehrende Suchroutinen (n=142)
 

Fazit

Die hohe Rücklaufquote zur Umfrage verdeutlicht die Wichtigkeit des Themas Websuche im Internet für das Innovationsmanagement. Die Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass durchaus eine Nachfrage nach spezialisierten Suchwerkzeugen für die Ideen- und Innovationsentwicklung existiert. Solche Suchwerkzeuge sollten mindestens
 
  • mächtige Möglichkeiten der Suchraumbeschränkung und der Ergebnisfilterung besitzen,
  • über transparente und adaptierbare Ranking-Methoden verfügen,
  • die insbesondere eine Identifikation besonders aktueller Informationen zulassen und
  • dokumentspezifische Eigenschaften (wie verfügbare Metadaten) einsetzen, um sowohl die Ausdrucksmächtigkeit der Suchanfragesprache zu erhöhen, als auch anwendungsfallspezifische Möglichkeiten der Ergebnisdarstellung zu unterstützen, sowie
  • langfristige Informationsbedürfnisse unterstützen, etwa durch eine automatisierte Wiederholung der Suchabfrage und eine Benachrichtigung über neue Ergebnisse nach dem Push-Prinzip.

Im Web Intelligence-Bereich dieser Website werden entsprechende Konzepte tiefergehend diskutiert und verschiedene Werkzeuge vorgestellt, die zur Umsetzung eingesetzt werden können (eine Übersicht findet sich in der Rubrik Web Intelligence-Tools.

Etwas überraschend mutet die Erkenntnis an, dass typische Web 2.0-Informationsquellen wie Konsumenten-Blogs und Diskussionsforen im Innovationsmanagement (bislang) nicht als herausragend wichtig angesehen werden. Auch die Bedeutung von Open Innovation-Portale wird (bislang) eher gering eingeschätzt. Zumindest bei letzteren kann dies teilweise auf den noch geringen Bekanntheitsgrad zurückgeführt werden. Offene Ideenportale können ebenso wie Blogs und Diskussionsforen von Unternehmen als »Listening Platforms«, also als Kommunikationskanal zu Endverbrauchern eingesetzt werden und stellen somit eine prinzipiell für unternehmensstrategische Fragestellungen relevante Informationsquelle dar. Auf dieser Website werden neben »klassischen« Informationsquellen wie Patentdatenbanken, Pressemitteilungen und Suchmaschinen für wissenschaftliche Veröffentlichungen daher auch Social Media-Quellen wie Blogs, Diskussionsforen und Ideenportale untersucht.