Wissenschaftliche Publikationen

Wissenschaftliche Erkenntnisse werden üblicherweise in Konferenzbänden und Fachmagazinen veröffentlicht. Wissenschaftliche Veröffentlichungen stellen auch für das strategische Innovationsmanagement eine wichtige Datensammlung dar, die sich mit den richtigen Werkzeugen gut verwerten lässt. Zwei wesentliche Anforderungen an wissenschaftliche Veröffentlichungen sind Qualität und Aktualität – also Anforderungen, die auch im Innovationsmanagement an hochwertige Quellen gestellt werden:

  • Qualität: Ein Hauptziel wissenschaftlicher Publikationen ist die Veröffentlichungen von Inhalten, die originär sind und sich an der besten international üblichen Praxis orientieren sollen (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 1998). Die Sicherstellung einer hohen Qualität ist also bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen ein ganz wesentlicher Aspekt – und üblicherweise ein erklärtes Ziel jedes wissenschaftlichen Journals und jeder Konferenz. Wissenschaftliche Publikationen werden meist in einem »Peer-Review«-Verfahren evaluiert, das heißt, sie werden anonym durch externe Experten geprüft und erst nach erfolgreicher Begutachtung veröffentlicht. Die Qualitätssicherung wissenschaftlicher Beiträge variiert allerdings sehr stark. Bei Konferenzen erfolgt die Annahme von Beiträgen mitunter lediglich auf Basis kurzer Zusammenfassung, auch gibt es sehr unterschiedliche Standards im Reviewprozess. Bedingt aussagekräftig sind die Annahmequoten einer Konferenz – üblicherweise deutet eine niedrige Annahmequote (insbesondere bei einer hohen Einreichungsmenge) auf eine höherwertige Konferenz hin. Wissenschaftliche Fachmagazine haben im Allgemeinen eine striktere Qualitätssicherung, als Konferenzen – weswegen erstere üblicherweise als höherwertig angesehen werden.
  • Aktualität: Die Aktualität einer Information ist für den Verfasser einer wissenschaftlichen Veröffentlichung von entscheidender Bedeutung. Das Interesse der Fachwelt ist ihm schließlich nur dann sicher, wenn seine Erkenntnisse dem neuesten Kenntnisstand der Wissenschaft und Technik entsprechen oder diesen (idealerweise) erweitern. Allerdings vergeht zwischen der Einreichung eines Beitrags zu einer Konferenz und der öffentlichen Verfügbarkeit des Beitrags in einem Tagungsband oftmals eine erhebliche Zeit (normalerweise mehrere Monate). Ein noch längerer Zeitraum liegt häufig zwischen der Einreichung und tatsächlichen Veröffentlichung eines Beitrags in einem Fachmagazin (mitunter mehrere Jahre). Daher gewinnt die Vorveröffentlichung auf sogenannten »Preprint«-Servern zunehmend an Bedeutung (s. u.).

Im Folgenden werden die unterschiedlichen Arten wissenschaftlicher Veröffentlichungen bzgl. ihrer Eignung für das »Innovation Mining« genauer untersucht.

 Kategorisierung

Online-Datenbanken für wissenschaftliche Publikationen lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Primäre Quellen, spezialisierte Datenbanken und spezielle Webseiten allgemeiner Suchmaschinen (Anmerkung: Der Verlauf der Trennung zwischen der zweiten und dritten Gruppe ist mitunter nicht klar zu ziehen).

  • Primäre Quellen sind vor allem Verlags-Angebote (wie z. B. Springer Link, über das ausschließlich vom Springer-Verlag veröffentlichte Publikationen online zur Verfügung gestellt werden), sowie Angebote von Forschungseinrichtungen (wie z. B. Fraunhofer Publica für Publikationen der Fraunhofer-Gesellschaft) oder Berufsverbänden (wie z. B. IEEE Xplore für Dokumente aus dem Bereich Informatik und Elektrotechnik). Diese Seiten stellen nur selten den Volltext der Dokumente kostenlos zur Verfügung und bieten Zugang nur zu einer begrenzten Anzahl an Veröffentlichungen (üblicherweise den eigenen). Die Reputation dieser Quellen hängt direkt von der Reputation des Verlags oder der Forschungsorganisation ab, wird aber oft als sehr hoch gesehen. Die Fachgebiete der Publikationen richten sich nach der fachlichen Ausrichtung des Betreibers.

Suchergebnisse bei Fraunhofer Publica

  • Spezialisierte Datenbanken fassen die Daten mehrerer primärer Quellen zusammen. Sie können aus rechtlichen Gründen oft nur eine Abstract- und Zitationssuche anbieten: Um auf den Volltext zugreifen zu können, muss der Benutzer sich direkt an dem Herausgeber der Publikation wenden. Der Zugang zu den Suchfunktionen kann kostenlos oder kostenpflichtig sein. Populäre Beispiele sind CiteSeerX der Pennsylvania State University, Web of Science von Thomson Reuters (Anmerkung: Das »Web of Science« ist in das breiter aufgestellte »Web of Knowledge« eingebunden, das neben den Journal-Inhalten des Web of Science auch weitere wissenschaftlich relevante Inhalte (Forschungswebsites, Patentdaten etc.) enthält) und die beiden Angebote Scopus und ScienceDirect der Firma Elsevier (Scopus enhält ausschließlich Abstracts und Zitationen, während ScienceDirect zwar insgesamt weniger Journale indiziert, dafür aber auch Zugriff auf Volltexte bietet).

Suchergebnisse bei CiteSeerX

 

  • Betreiber allgemeiner Suchmaschinen wie Google und Microsoft bieten heute im Allgemeinen spezielle Suchfunktion für wissenschaftliche Publikationen an (Google Scholar, Microsoft Academic Search). Ihre Stärke ist die sehr hohe Anzahl an indizierten Dokumenten - teilweise werden auch Informationen zu Dokumenten als Ergebnis zurückgeliefert, welche gar nicht online zu finden sind, sondern lediglich aus anderen Dokumenten heraus referenziert wurden. Die Suchmaschinen zeigen mitunter neben Journal- und Konferenzbeiträgen und wissenschaftlichen Monographien auch Dissertationen, Diplom- und Studienarbeiten und Praktikumsberichte an. Diese Suche ist kostenlos, der Zugang zum Volltext ist hier ebenfalls vom Verlag abhängig.

Suchergebnisse bei Google Scholar

 

Funktionsumfang

Die Standard-Suchfunktionen von Online-Datenbanken für wissenschaftliche Publikationenerlauben normalerweise eine Suche in den Titeln und Zusammenfassungen, eine Suche nach Autor, eventuell auch nach der Organisation des Autors, nach Veröffentlichungsdatum, manchmal auch nach Konferenz oder Verlag. Seiten wie CiteSeerX erlauben eine zitationsbasierte Suche oder eine Filterung der Dokumente nach Anzahl an Zitationen. Meist beschränkt sich die Ergebnisanzeige ebenfalls auf die genannten Informationen - die Volltexte sind nur in seltenen Fällen frei verfügbar (s. u.), in den meisten Fällen findet man sie nur auf Verlagswebseiten und gegen Gebühr. Forschungseinrichtungen und –abteilungen bieten ihren Mitarbeitern oft Zugang zu den Volltexten bestimmter Quellen (etwa eine fachlich beschränkte Auswahl der von einem Verlag angebotenen Journale). Die Gebühren werden direkt von der Forschungseinrichtung bezahlt, die Datenbank erlaubt den Zugriff für einen bestimmten IP-Adress-Bereich, der Nutzer kann dann direkt im Browser ohne zusätzliche Registrierung an seinem Arbeitsplatz die Texte lesen.

Preprints

Da der Review- und Veröffentlichungsprozess bei wissenschaftlichen Fachmagazinen mitunter mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann, veröffentlichen viele Autoren ihre Arbeit vorab auf Plattformen, die eine schnellere Verbreitung der Ergebnisse erlauben, indem sie ungeprüfte Arbeiten veröffentlichen – sogenannte »Preprint«-Plattformen. Populäre Beispiele sind arXiv, Nature Precedings und das Preprint-Archiv von ScienceDirect.

Open Access

Da viele wissenschaftliche Datenbanken die Volltexte ihrer Veröffentlichungen nur kostenpflichtig anbieten, kann der breite Zugang zur Literatur für kleine Firmen oder Organisationen schnell teuer werden. Der unfreie Zugang zu Forschungsergebnissen stellt darüber hinaus ein globales Problem dar, denn insbesondere für ärmere Länder ergibt sich hieraus ein weiterer Nachteil. Deswegen - und um die Sichtbarkeit von Artikeln im Allgemeinen zu erhöhen - hat sich in den letzten Jahren die sogenannte »Open Access«-Bewegung etabliert. Diese fordert unter anderem mit dem 2003 verabschiedeten »Bethesda Statement on Open Access Publishing«, das von verschiedenen amerikanischen, englischen und auch deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen unterzeichnet wurde, den kostenlosen und zeitlich wie geographisch unbeschränkten Zugang zu Volltexten sowie die Möglichkeit und das Recht, die Inhalte zu nutzen, wiederzugeben und zu kopieren, insofern der ursprüngliche Autor benannt wird.

Für die Veröffentlichung von Texten existieren im Open Access-Ansatz zwei Methoden, die sich auch im Logo der Bewegung wiederfinden:

Logo der Open Access Bewegung

  • Der »goldene Weg« ist die Veröffentlichungen von Volltexten in speziellen Open Access-Datenbanken.
  • Der »grüne Weg« ist die Veröffentlichung von Volltexten auf privaten Homepages der Autoren, normalerweise mit einem Eintrag in einer institutionellen Open Access-Datenbank.

Auch die Fraunhofer-Gesellschaft hat sich 2007 verpflichtet, die Forschungsergebnisse ihrer Mitarbeiter soweit möglich frei zugängig zu machen und für eine kostenlose Nutzung ins Internet zu stellen. Die Publikationen findet man auf der ePrints-Seite der Fraunhofer-Gesellschaft.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über verschiedene im Internet verfügbare Suchplattformen für wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Übersicht über verschiedene Suchwerkzeuge für wissenschaftliche Veröffentlichungen

Anwendungsbeispiele

Wissenschaftliche Literaturdatenbanken bieten sich für die folgenden innovationsstrategisch relevanten Analysearten an:

  • Untersuchung des wissenschaftlichen State-of-the-Art: Mittels Analyse der aktuellen wissenschaftlichen Publikationen kann der aktuelle Forschungsstand analysiert werden. Üblicherweise beinhalten wissenschaftliche Arbeiten selbst eine Analyse des State-of-the-Art, so dass durch Lektüre einiger relevanter Texte bereits ein recht vollständiger Überblick über ein Thema gewonnen werden kann.
  • Identifikation von Forschungsbedarfsfeldern: Die Analyse des State-of-the-Art zeigt die aktuellen Grenzen der Forschung auf. Wissenschaftliche Arbeiten enthalten zudem üblicherweise einen Ausblick auf »Future Research«.
  • Erkennung von »Hot Topics«, an denen aktuell massiv geforscht wird. Dies kann über eine zeitliche Analyse der Anzahl von zu einem Thema erscheinenden Arbeiten erfolgen. Da wissenschaftliche Arbeiten im Allgemeinen ein Veröffentlichungsdatum tragen, ist diese Art Analyse einfach durchführbar.
  • Expertensuche: Es werden Forscher oder Forschungseinrichtungen identifiziert, die an bestimmten Themenstellungen forschen.
  • Identifikation von Forschungsnetzwerken, etwa basierend auf Zitations- oder Co-Authorship-Analysen.

Die beiden letztgenannten Anwendungsfälle haben durch die Möglichkeiten moderner Internetdatenbanken enorm an Popularität gewonnen. Aufgrund der einigermaßen standardisierten Form wissenschaftlicher Arbeiten lassen sich mittels der relativ leicht automatisch extrahierbaren Autor- und Quellenangaben Assoziationsgraphen zwischen Autoren erstellen:

  • Co-Authorship: Wissenschaftliche Publikationen werden oftmals von mehreren Autoren gemeinsam erstellt. Über die Frequenz des gemeinsamen Auftretens zweier Namen lassen sich Rückschlüsse auf die Intensität ihrer Kollaboration ziehen.
  • Zitation: Wissenschaftliche Publikationen enthalten stets Verweise auf andere wissenschaftliche Arbeiten. Die Messung der Zitationshäufigkeit erlaubt nicht nur die Bestimmung eines Näherungswertes des »wissenschaftlichen Impacts« einer Arbeit oder der Expertise eines Autors, sondern auch die Analyse der »Forscher-Szene« zu einem bestimmten Thema. Die Abbildung zeigt die Zitationssuche mit Scopus.

Zitationssuche mit Scopus